Andreas Maresch im systemischen Beratungsgespräch
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Was steckt hinter dem Wort “Systemisch”

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Was „systemisch“ bedeutet

Sie haben das Wort „systemisch“ vermutlich schon gehört, bei Beratung, Coaching oder Therapie. Oft bleibt unklar, was dahintersteckt. Ist es ein Modewort, oder steckt mehr dahinter?

Der Kern ist schnell erklärt. Systemisch heißt, einen Menschen nicht losgelöst zu betrachten, sondern zusammen mit den Beziehungen, in denen er lebt. Das verändert, welche Fragen man stellt und welche Lösungen man findet. Im Folgenden erkläre ich, was das konkret bedeutet.

Systemisch oder systematisch, der Unterschied

Die beiden Wörter klingen ähnlich, meinen aber etwas anderes. Systematisch heißt planmäßig, Schritt für Schritt vorgehen. Systemisch bedeutet, das ganze System zu betrachten, also eine Familie, eine Beziehung oder ein Team. Wer systemisch berät, sucht nicht die eine richtige Methode, sondern schaut, welche Beziehungen und Muster ein Verhalten erst hervorbringen.

Woher das Wort kommt

Das Wort „systemisch“ leitet sich von „System“ ab. Gemeint ist eine Gesamtheit von Elementen, die miteinander in Beziehung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Eine Familie ist ein System, ein Team, eine Paarbeziehung und auch Ihre eigene Psyche.

Die systemische Denkweise hat sich aus mehreren Wissenschaften entwickelt. Vier davon sind wichtig.

  • Die Systemtheorie untersucht, wie Teile eines Ganzen aufeinander wirken.
  • Die Kybernetik erforscht, wie sich Systeme steuern und regulieren.
  • Die Kommunikationstheorie beschäftigt sich mit Mustern im Austausch zwischen Menschen.
  • Der Konstruktivismus geht davon aus, dass wir unsere Wirklichkeit mitgestalten, weil jeder die Welt durch seine eigene Brille sieht.

Vom Einzelnen zum Beziehungsgeflecht

Der systemische Ansatz verschiebt die Blickrichtung. Statt zu fragen „Was stimmt mit dieser Person nicht?“, fragt er: „In welchem Zusammenhang tritt dieses Verhalten auf? Welche Beziehungen und Muster spielen hier mit?“

Dadurch ändern sich drei Dinge.

  1. Probleme werden zu Signalen. Dass Sie schlecht schlafen, ist vielleicht nicht einfach „Ihr Problem“, sondern ein Hinweis, dass in Ihrem Alltag etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Körperliche Ursachen lassen Sie trotzdem zuerst medizinisch abklären.
  2. Schuldfragen verlieren an Gewicht. Statt einen Schuldigen zu suchen, schauen wir auf Muster und darauf, wie alle Beteiligten aufeinander wirken.
  3. Es öffnen sich neue Wege. Wenn Probleme in Beziehungen entstehen, kann man auch dort ansetzen.

Die systemische Haltung

Systemisch zu arbeiten ist mehr als eine Sammlung von Methoden. Es ist eine Haltung mit vier Grundgedanken.

  • Neugier statt Schnellurteile. Wer systemisch arbeitet, begegnet Menschen und Situationen mit echtem Interesse und ohne vorschnelle Bewertung.
  • Mehrere Sichtweisen. Es gibt nicht die eine richtige Sicht auf eine Situation, sondern viele, die nebeneinander bestehen können.
  • Stärken und nächste Schritte im Blick. Der Fokus liegt weniger auf Defiziten als auf dem, was schon da ist und was als Nächstes möglich wäre.
  • Jedes Verhalten hat einen Sinn. Auch ein Verhalten, das Ihnen selbst als Problem erscheint, hat in einem bestimmten Zusammenhang einmal Sinn ergeben.

Für Sie heißt das, dass Sie sich nicht rechtfertigen müssen. Sie dürfen erst einmal erzählen.

Wie das in der Beratung aussieht

Zwei Beispiele aus dem Beratungsalltag, bewusst allgemein gehalten.

  • Eine Frau mit Burnout-Symptomen merkt, dass ihr „Funktionieren-Müssen“ ein Muster ist, das in ihrer Familie seit Generationen weitergegeben wird.
  • Ein Paar, das immer wieder denselben Streit führt, erkennt, dass nicht einer „schuld“ ist. Beide sind Teil eines Musters, das sich selbst am Laufen hält.

Dabei kommen einige typische Methoden zum Einsatz.

  • Zirkuläres Fragen. Zum Beispiel: „Was würde Ihr Partner sagen, warum Sie immer wieder in denselben Konflikt geraten?“
  • Reframing. Ein Verhalten bekommt eine neue Deutung. Aus „Ich bin zu perfektionistisch“ kann „Mir ist Verlässlichkeit sehr wichtig“ werden.
  • Aufstellungsarbeit. Beziehungsmuster werden räumlich dargestellt und dadurch erlebbar.
  • Skalierungsfragen. Zum Beispiel: „Auf einer Skala von 1 bis 10, wie zuversichtlich sind Sie, dass sich das lösen lässt?“

Systemische Beratung ersetzt keine Psychotherapie. Wann was passt, habe ich im Artikel Beratung oder Therapie, der Unterschied beschrieben.

Die Wunderfrage

Eine bekannte systemische Methode ist die Wunderfrage. Sie hilft, aus festgefahrenen Denkmustern herauszukommen. Sie können sie allein ausprobieren.

Die Übung

  1. Setzen Sie sich bequem hin und schließen Sie kurz die Augen.
  2. Stellen Sie sich vor, dass heute Nacht, während Sie schlafen, ein Wunder geschieht. Das Problem, das Sie beschäftigt, ist gelöst. Weil Sie geschlafen haben, wissen Sie nicht, dass es passiert ist.
  3. Sie wachen morgen auf. Woran würden Sie als Erstes merken, dass das Wunder geschehen ist? Was wäre anders?
  4. Was würden Sie anders tun? Wie würden andere auf Sie reagieren? Was würden Sie stattdessen fühlen? Welche kleinen Veränderungen würden Ihnen auffallen?
  5. Schreiben Sie alle Antworten auf, die Ihnen einfallen.
  6. Fragen Sie sich zum Schluss, welche dieser Veränderungen Sie auch ohne Wunder schon morgen umsetzen könnten.

Die Übung lenkt den Blick vom Problem auf mögliche Lösungen. Sie zeigt außerdem, dass Sie selbst Teil des Systems sind und es durch kleine Veränderungen mit beeinflussen.

Sieben Tage systemisch denken

Wenn Sie systemisches Denken im Alltag ausprobieren möchten, hilft diese Woche als Einstieg.

Tag 1, Muster beobachten

Achten Sie heute auf wiederkehrende Abläufe in Ihren Beziehungen. Gibt es Gespräche, die immer gleich verlaufen? Konflikte, die sich wiederholen?

Tag 2, die Perspektive wechseln

Wählen Sie eine belastende Situation und betrachten Sie sie aus der Sicht aller Beteiligten. Was könnte deren Beweggrund sein?

Tag 3, Kreisläufe erkennen

Suchen Sie einen Teufelskreis in Ihrem Leben. Wie reagieren Sie auf etwas, wie reagieren die anderen darauf, und wie reagieren Sie dann wieder darauf?

Tag 4, etwas anders machen

Ändern Sie heute bewusst Ihr Verhalten in einer Situation, die sich sonst wiederholt. Was passiert in Ihrem Umfeld?

Tag 5, Stärken suchen

Welche Stärken haben Sie oder die Menschen um Sie herum, die bisher kaum genutzt werden?

Tag 6, Zusammenhänge betrachten

Überlegen Sie, wie Familie, Arbeit und Freundeskreis Ihr Verhalten beeinflussen. Sind Sie überall dieselbe Person?

Tag 7, zurückschauen

Schreiben Sie auf, was Ihnen diese Woche aufgefallen ist. Was hat sich verändert?

Ein kleines Notizbuch für diese Woche hilft. So sehen Sie am Ende, wie sich Ihre Wahrnehmung und vielleicht auch Ihre Beziehungen verändert haben.

Wenn Sie ausprobieren möchten, wie das bei Ihnen aussehen könnte, ist das kostenlose Erstgespräch ein guter Anfang. Mehr dazu unter systemische Einzelberatung und systemische Paarberatung.

Weiterlesen: Nein sagen, ohne sich schlecht zu fühlen

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